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01.10.2018

Von: Lars Ruzic, Daniel Behrendt

Chemie-Tarifrunde

Da geht die Sonne auf

Die IG BCE hat für die Beschäftigten satte Zuschläge bei Entgelt, Ausbildungsvergütungen und Urlaubsgeld herausgeholt. Gleichzeitig wollen die Tarifpartner Wege zu mehr Arbeitszeitsouveränität ausloten.

Palme am Strand

Ralf Sikorski schaut ernst in die Runde. "Fangen wir mit der schlechten Nachricht an", sagt er. "Eine Großdemo in Ludwigshafen oder Mannheim wird nicht stattfinden." Kurze Kunstpause, dann ein breites Grinsen: "Denn wir haben einen Abschluss. Und was für einen!" Applaus im Saal der Tarifkommission, Erleichterung liegt in der Luft. Nach einem Verhandlungsmarathon, in dem die Chemie-Tarifparteien in Wiesbaden bis in die Nacht intensiv um die Kernforderungen der IG BCE für die 580.000 Beschäftigten der Branche gerungen haben, steht das Ergebnis. Mit jedem Punkt den Verhandlungsführer und Tarifvorstand Ralf Sikorski bekannt gibt, wird der Applaus kräftiger.

© Blitzfang Medien

Doppeltes Urlaubsgeld, 3,6 Prozent mehr Entgelt, bis zu 9 Prozent mehr Ausbildungsvergütung – das alles bei einer Laufzeit von 15 Monaten. Außerdem das Versprechen, bis zur nächsten Tarifrunde Lösungsansätze für das Reizthema Arbeitsüberlastung zu präsentieren:  Das sind die Eckpunkte eines Abschlusses, bei dem sich die IG BCE in weiten Teilen mit ihren Forderungen durchsetzen konnte. Sieg auf ganzer Linie beim Urlaubsgeld, ein ordentlicher Kompromiss bei Entgeltsteigerungen und Laufzeit und ein alle Erwartungen übertreffender Abschluss für die Azubis.

Kein Wunder, dass die Stimmung nicht nur in Wiesbaden, sondern auch unter den rund 10.000 IG-BCE-Mitgliedern, die die Verhandlungen über den Messenger verfolgen, in Höchstform ist. Im Sekundentakt ploppen begeisterte Kommentare auf den Smartphonebildschirmen der kompakt-Redaktion auf.

"Wir haben für die Beschäftigten ein gutes Tarifpaket geschnürt, das ihnen eine faire Teilhabe am Erfolg ihrer Branche sichert", sagt der Vorsitzende der IG BCE, Michael Vassiliadis, im Anschlussan die Verhandlungen. "Seit Jahren brummt das Geschäft, und niemand spürt das mehr als die Kolleginnen und Kollegen. Sie haben deshalb einen Abschluss verdient, der ihnen sowohl spürbar mehr Cash bietet als auch die Aussicht auf Entlastung und mehr Freiraum bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit. Wir haben das versprochen, jetzt haben wir geliefert."

Aussicht auf mehr Freiräume

Über mehr Geld freuen können sich die Beschäftigen je nach Tarifbezirk erstmals mit ihren Gehaltsabrechnungen im Oktober, November oder Dezember: Dann steht neben einem Entgeltplus von 3,6 Prozent auch eine einmalige Pauschalzahlung von 280 Euro auf dem Lohnzettel – rückwirkend für die zwei Monate zwischen dem Auslaufen des alten und dem Inkrafttreten des neuen Tarifvertrags. Diese Summe entspricht ebenfalls einer Erhöhung um 3,6 Prozent, bezogen allerdings auf ein durchschnittliches Tarifgehalt.

Andreas Reeg

Klarmachen, worum es geht: Die jugend der IG BCE ist in Wiesbaden aufgelaufen, um den Forderungen der Mitarbeiter mit knackigen Slogans nachdruck zu verleihen

Diese Regelung gilt auch für Auszubildende: Sie erhalten eine Zweimonatspauschale von insgesamt 80 Euro sowie im ersten und zweiten Lehrjahr satte 9 Prozent mehr Ausbildungsvergütung, im dritten und vierten Lehrjahr weitere 6 Prozent.

Spürbar mehr im Portemonnaie also. Doch damit nicht genug, denn auch die Urlaubskasse wird kräftig aufgestockt: 1.200 statt bisher 614 Euro können Vollzeitbeschäftigte im nächsten Jahr einplanen, wer Schicht arbeitet bekommt bis zu 1.320 Euro.

"Die Forderung nach einer Verdopplung des Urlaubsgelds hat den Menschen aus dem Herzen gesprochen", meint IG-BCE-Verhandlungsführer und Tarifvorstand Ralf Sikorski. Das sei bei den bundesweiten Tarifaktionen in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich zu spüren gewesen. "Deshalb gab es in dieser Frage für uns keinen Verhandlungsspielraum. "Von einer Verdopplung des Urlaubsgelds profitierten die unteren Lohngruppen überdurchschnittlich. Hier macht das Plus bis zu 1,8 Prozent aus.

"Damit schließt die Chemieindustrie beim Urlaubsgeld zu anderen Branchen auf und steigert ihre Attraktivität als Arbeitgeber", so Sikorski. Das hat sie offenbar auch nötig. Diverse Male beklagen die Arbeitgeber in den Verhandlungen, dass sie der Fachkräftemangel inzwischen voll erfasst habe – ein Trend, vor dem die IG BCE schon seit Jahren warnt. Die Folgen spürt die bestehende Mannschaft täglich. Angesichts einer seit Jahren brummenden Auftragslage und Kapazitätsauslastung steigen Überstunden und Arbeitsbelastung.

Andreas Reeg

2. Tarifrunde Chemie 2018 Der Mann mit den guten Nachtrichten: Verhandlungsführer Ralf Sikorski präsentiert in Wiesbaden der großen Tarifkommission den Abschluss. Er wird einstimmig angenommen.

Die IG BCE fordert, hier gegenzusteuern: Die Beschäftigten brauchen mehr Möglichkeiten zur Entlastung und größere Freiräume bei der Arbeitszeitgestaltung. Das Thema wollen beide Seiten nun in den kommenden Monaten angehen – und haben sich dafür – eine "Roadmap Arbeit 4.0" gegeben. Bis zur nächsten Tarifrunde sollen Instrumente für mehr Arbeitszeitsouveränität geschaffen werden. "Dazu gehört auch die Wahloption Zeit statt Geld", betont Sikorski.

Eines der Instrumente, das die kleine Tarifkommission in den kommenden 15 Monaten entwickeln will, ist eine sogenannte betriebliche qualifizierte Personalbedarfsplanung, die dabei helfen soll, den tatsächlichen Arbeitskräftebedarf besser zu ermitteln. "Im Vergleich zur herkömmlichen Personalplanung kalkuliert sie Urlaube, Krankenstände, Altersfreizeiten und andere Abwesenheiten mit ein. Dadurch werden wir viel präziser feststellen können, ob Betriebe eine tatsächliche Belastungsreduzierung erzielen – oder ob die Entlastungen einiger Kollegen zu weiterer Arbeitsverdichtung bei den anderen Kollegen führt", sagt Oliver Zühlke, Bayer-Gesamtbetriebsratsvorsitzender und Mitglied der kleinen Tarifkommission.

Die genaue Bestandsaufnahme der tatsächlichen Arbeitsbelastung sei die entscheidende Voraussetzung, um taugliche Lösungen zu finden. "Gerade in Betrieben, in denen die Personaldecke auf Kante genäht ist, kann dieses Instrument unsere Forderungen unterstützen, etwa nach Neueinstellungen und einer höheren Übernahmequote", meint Zühlke.

Neben handfestem materiellem Erfolg ist diese Weichenstellung hin zu mehr Arbeitszeitsouveränität und Entlastung ein weiteres Plus der zurückliegenden Tarifrunde. Verhandlungsführer Ralf Sikorski jedenfalls ist sichtlich zufrieden: "Jetzt haben wir die Chance auf einen wirklich zukunftsweisenden Entwurf."

Wann wird ausgezahlt?
Grundsätzlich gilt: Zwei Monate nach Auslaufen des alten Tarifvertrags gibt es sowohl eine rückwirkende Zweimonatspauschale (Beschäftigte: 280 Euro, Azubis: 80 Euro) als auch die erste Lohnerhöhung um 3,6 Prozent. Die Laufzeit des neuen Tarifvertrags beträgt 15 Monate inklusive der zwei pauschal abgegoltenen Monate. Da die Altverträge zwischen 31. Juli und 31. September ausgelaufen sind, ergeben sich regional unterschiedliche Auszahlungstermine:

  • Mit dem Oktobergehalt bekommen die Beschäftigten der Tarifbezirke Hessen, Nordrhein und Rheinland-Pfalz Pauschale und erstes Gehalt nach neuem Tarif.
  • Im November folgen die Tarifbezirke Baden-Württemberg, Bayern, Berlin (West), Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Westfalen.
  • Im Dezember sind die Tarifbezirke Saarland und Ost an der Reihe.